c/o Verkehrsgesellschaft Ludwigslust-Parchim mbH (VLP)

Rufbusangebote für jedermann in Ludwigslust-Parchim (LUP)

Das Interreg Projekt MARA trug dazu bei, ein gutes ÖPNV Angebot noch besser zu machen: Was digitale Tools mit einer Krankenschwester und dem Rufbus-Angebot in LUP zu tun haben.

Stefan Lösel ist in seinem Element:
„Wenn eine Krankenschwester morgens um 6 Uhr zur Arbeit fahren muss, sollte Sie doch nicht darauf hoffen müssen, dass jemand Sie von einer „Mitfahrbank“ mitnimmt. Ein Landkreis wie Ludwigslust-Parchim, der über 210.000 Einwohner hat, muss seinen Bürgern ein verlässliches Mobilitätsangebot jenseits des Individualverkehrs machen. Initiativen wie Bürgerbusse sind gut und haben Ihre Berechtigung, aber nur als Ergänzung zum flächendeckenden ÖPNV Angebot“.

c/o Kreisentwicklungskonzept LUP 2030

Ludwigslust-Parchim (LUP) ist (neben zwei kreisfreien Städten) einer von insgesamt sechs Landkreisen in Mecklenburg-Vorpommern. Mit 4.767 km2 ist er der zweitgrößte der rund 300 Verwaltungsbezirke in Deutschland. Im Vergleich zu anderen Regionen in Deutschland und zur durchschnittlichen Bevölkerungsdichte in Mecklenburg-Vorpommern (69 Menschen pro Quadratkilometer) ist der Landkreis LUP dünn besiedelt (45 Menschen pro Quadratmeter). Für LUP – so wie für viele andere dünn besiedelte Landkreise – ist es eine große Herausforderung Ihren Bewohnern und Gästen ein Mobilitätsangebot jenseits des motorisierten Individualverkehrs (MIV) zu machen. Die zunehmende Verstädterung, der demografische Wandel und knappe Haushaltskassen erschweren die staatliche Aufgabe der Daseinsvorsorge. Das ist auch das Thema des transnationalen Interreg Projekts MARA.

Als Stefan Lösel 2015 die Geschäftsführung der Verkehrsgesellschaft Ludwigslust-Parchim mbH (VLP) übernahm, fand er eine Situation in LUP vor, in der der öffentliche Personennahverkehr mit Bussen (ÖPNV) fast ausschließlich nur noch dem Schulbusverkehr diente. Alle anderen Nutzergruppen mussten sich auf den MIV verlassen. Fünf Jahre später verfügt LUP über ein engmaschiges Liniennetz, das fast ganz LUP abdeckt. Die VLP bietet heute fast jedem Dorf einen Bedienstandard an, bei dem Rufbusse im Stundentakt angefordert werden können. „Seit August 2018 bietet die VLP in ihrem gesamten Versorgungsgebiet den flexiblen „Rufbus“ an. Durch die Einführung des Rufbusses konnten wir das Fahrplanangebot der VLP um fast 500% auf 48 Mio. Fahrplankilometer pro Jahr im Jahr 2020 erhöhen, wovon allein 40 Mio. km auf den Rufbus entfallen“ erklärt Lösel.

Das Busangebot während der Schulzeit an einem Werktag des Jahres 2016 in LUP. c/o VLP
Das Busangebot an einem Wochenende des Jahres 2016 in LUP. c/o VLP 

c/o VLP

Das Rufbusangebot im Jahr 2021 in LUP. c/o VLP

In den Zeitraum der Rufbus-Einführung fällt auch die Entwicklung des transnationalen MARA Projekts, in dem 12 Partner aus 9 Ländern im Ostseeraum gemeinsam an innovativen Mobilitätslösungen für dünn besiedelte, ländliche Räume arbeiten. Gemeinsam mit dem Lead Partner, dem Ministerium für Energie, Infrastruktur und Digitalisierung Mecklenburg-Vorpommern (EM), engagieren sich die VLP und der Landkreis LUP in dem 2019 gestarteten Projekt. Gundolf Landsberg ist beim Landkreis für den ÖPNV zuständig: „Im Rahmen des MARA Projektes können wir zum einen unsere Erfahrungen mit dem Rufbus System mit anderen interessierten Regionen teilen und zum anderen profitieren wir von digitalen Tools, die von anderen Partnern entwickelt wurden und die wir hier in LUP zur weiteren Verbesserung unseres ÖPNV Angebot einsetzen können“ beschreibt Verkehrsplaner Landsberg den Mehrwert des Projekts für den Landkreis.
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 Bitte klicken Sie auf das Logo um zum Video über das D.U.GIS Tool zu gelangen.
c/o  Ministry of Energy, Infrastructure and Digitalization Mecklenburg-Vorpommern (EM)

Ein MARA Werkzeug ist das D.U.GIS Tool, das Erreichbarkeitslücken analysiert und visualisiert. Für das Tool gibt es eine Vielzahl von Anwendungsmöglichkeiten – in LUP, aber mehr noch in vielen anderen Regionen, die noch nicht über ein derart engmaschiges ÖPNV Angebot verfügen wie LUP. D.U.GIS verwendet einen Open-Source-Datenansatz, der Daten zu Mobilitätsoptionen und möglichen Zielen in einer Plattform integriert. Diese evidenzbasierte Unterstützung hilft Raum- und Verkehrsplanern, bessere Planungsentscheidungen zu treffen.

Das D.U.GIS Tool ist über die Webseite http://mara.cetler.se/ bzw. über die Projekt Webseite www.mara-mobility.eu/tools erreichbar. c/o Dalarna University

Stefan Lösel hat bei einem anderen MARA Tool einen besonderen Mehrwert für die VLP ausgemacht:
„Der Population Mobility Monitor (PMM) stellt anhand von Mobilfunkdaten und potentiell auch anderen Datenquellen die Bewegungsmuster der Menschen zu jeder beliebigen Tages- und Wochenzeit anschaulich dar.

Das hilft uns, die Nachfrage nach Verkehrsverbindungen schnell und effizient zu ermitteln und entsprechend punktgenau zu bedienen.“ Das PMM wird in LUP dazu eingesetzt, ganz gezielt Vorschläge für die Zusammenarbeit mit benachbarten Verkehrsgesellschaften zu entwickeln.

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 Bitte klicken Sie auf das Logo um zum Video über das PMM Tool zu gelangen. c/o EM

Das PMM Tool für LUP ist über die Webseite https://pmm.vlp.info/ bzw. über die Projekt Webseite www.mara-mobilit y.eu/tools erreichbar. c/o University Tartu

Nach den ersten Erfahrungen mit diesen beiden neuen Tools wurde in LUP in einer breit angelegten MARA Fallstudie der Ansatz des PMM weiterentwickelt.

„Als Verkehrsgesellschaft brauchen wir digitale Unterstützung, um schnell und unkompliziert die Mobilitätsnachfrage zwischen zwei beliebigen Gemeinden in LUP mit unserem bestehenden Fahrplanangebot abzugleichen. Genau das macht unser PTM Tool (Public Transport vs. Mobility Tool), das wir im MARA Projekt gemeinsam mit dem EM entwickelt haben“.

Der Geschäftsführer der VLP, Stefan Lösel (links), im Gespräch mit dem Verkehrsminister von Mecklenburg-Vorpommern, Christian Pegel (rechts). c/o Mayk Pohle

Das PTM Tool visualisiert – ähnlich wie das PMM Tool – die Mobilitätsströme der gesamten Bevölkerung auf Grundlage von Mobilfunkdaten. Die „Verbindungspinne“, die entsteht, wenn man eine Gemeinde auswählt und sich alle Mobilitätströme (ausgehende oder eingehende) anzeigen lässt, trägt aber auch einen Farbcode: Ein grünes „Spinnenbein“ z.B. bedeutet die Verbindung wird mindestens einmal pro Stunde von der VLP bedient. Bei einem roten Spinnenbein hingegen (d.h. höchstens eine Verbindung alle 4 h) besteht ggf. Handlungsbedarf.


„Die Fahrplaninfos müssen von den Verkehrsgesellschaften seit kurzem standardmäßig in einem GTFS Datenformat bereitgestellt werden. Für dieses GTFS Format haben wir eine IT Anwendung für die Nutzung im PTM Tool entwickelt, so dass für uns keine Nachbearbeitung der Millionen von Datensätzen notwendig wird.“


führt der Geschäftsführer der VLP aus.

c/o EM

Wenn zwei- oder dreimal im Jahr Fahrplanwechsel anstehen, kann die Verkehrsgesellschaft zunächst die bestehenden Fahrpläne und Takte schnell mit Hilfe des PTM Tools überprüfen und bei entsprechenden farblichen Signalen, zielgerichtet tätig werden, um ggf. das Fahrplanangebot zwischen zwei Gemeinden zu optimieren.

Was in LUP jetzt bereits funktioniert, können sich auch andere Landkreise und Verkehrsgesellschaften zunutze machen. Die Tools, die im MARA Projekt entwickelt wurden, sind Open Source und müssen nur mit den entsprechenden Daten „betankt“ werden, um auch anderenorts genutzt zu werden. Mehr Informationen dazu auf www.mara-mobility.eu/tools

Einer von 40: Ein Beispiel für den Fahrplan einer Rufbuszone (hier der Linie 842). c/o VLP

Auf Stefan Lösel und Gundolf Landsberg wartet dennoch – auch mit den neuen digitalen Tools – noch viel Arbeit. Neben der Aufgabe der Daseinsvorsorge, also dem Versprechen der öffentlichen Hand, dass alle Menschen – also auch die, die kein eigenes Auto besitzen –  am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können, ist die Dekarbonisierung der Gesellschaft die nächste große Herausforderung für sie. Ihr Ziel ist es, dass in der Zukunft nicht nur die Krankenschwester mit der VLP zur Arbeit fährt, sondern möglichst auch alle ihre Nachbarn. Um allen entsprechende Angebote zu machen, werden die VLP und LUP auch in Zukunft mit den digitalen MARA Tools arbeiten.